Die kurze Antwort: Nein, das WM-Sechzehntelfinale zwischen Deutschland und Paraguay wird nicht wiederholt. Daran ändern weder das aberkannte Tor von Jonathan Tah noch die breite Kritik am Videobeweis etwas. Warum trotzdem so viele Fans derzeit genau danach suchen und weshalb die FIFA-Regeln keinen Spielraum lassen, lesen Sie hier.
Was in Foxborough passiert ist
Am 29. Juni 2026 verlor die deutsche Nationalmannschaft ihr Sechzehntelfinale bei der Weltmeisterschaft gegen Paraguay. Nach 120 Minuten stand es im Stadion von Foxborough bei Boston 1:1: Julio Enciso hatte Paraguay in der 42. Minute in Führung gebracht, Kai Havertz glich in der 54. Minute aus. Im Elfmeterschießen scheiterten Havertz, Nick Woltemade und Jonathan Tah. Am Ende hieß es 3:4, den entscheidenden Versuch verwandelte José Canale.
Für den DFB war es ein historischer Tiefpunkt: Deutschland verlor laut Sportschau erstmals überhaupt ein Elfmeterschießen bei einer Weltmeisterschaft und scheiterte erstmals seit 64 Jahren wieder in der ersten K.-o.-Runde. Nach den Vorrunden-Debakeln von 2018 und 2022 war es das dritte frühe WM-Aus in Folge.
Das aberkannte Tah-Tor: Auslöser der Wiederholungs-Debatte
In der 102. Minute köpfte Tah nach einer Ecke zum vermeintlichen 2:1 ein. Doch Videoassistentin Tatiana Guzman aus Nicaragua meldete sich, Schiedsrichter Jalal Jayed aus Marokko sah sich die Szene am Monitor an – und nahm das Tor zurück. Die Begründung: ein Foul von Waldemar Anton an Paraguays Torhüter Orlando Gill.
Diese Entscheidung sorgte für einen Aufschrei. ZDF-Schiedsrichterexperte Thorsten Kinhöfer nannte sie laut ZDFheute „absolut nicht nachvollziehbar“, Ex-Referee Patrick Ittrich sah bei MagentaTV „kein Wegstoßen, kein Wegdrücken, kein Festhalten“, und Sportschau-Experte Lutz Wagner urteilte, Weiterspielen wäre die richtige Entscheidung gewesen. Frankreichs Stürmerlegende Thierry Henry sprach beim US-Sender Fox von einer „schockierenden Entscheidung“. Bundestrainer Julian Nagelsmann schimpfte im ZDF-Interview: „Das ist nicht nur ein Skandal, das ist ein Vollskandal!“
Ganz einig war sich die Fachwelt allerdings nicht: Der frühere englische Schiedsrichter Mark Clattenburg hielt den Pfiff für ein „klares Foul“. Und die FIFA stellte sich hinter ihr Team: Schiedsrichterchef Pierluigi Collina verteidigte die Entscheidung in einer offiziellen Stellungnahme. Angreifer, die ohne Interesse am Ball gezielt einen Gegenspieler behindern (insbesondere den Torhüter), seien vor dem Turnier ausdrücklich zum Thema gemacht worden: „Trainer und Spieler wurden darüber informiert. Daher sollte es keine Überraschung sein, wenn Schiedsrichter solche Vergehen ahnden“, zitiert ihn der Kölner Stadt-Anzeiger.
| Spiel-Fakten | Deutschland – Paraguay |
|---|---|
| Datum & Ort | 29. Juni 2026, Foxborough bei Boston (USA) |
| Runde | Sechzehntelfinale, FIFA WM 2026 |
| Ergebnis | 1:1 nach Verlängerung, 3:4 im Elfmeterschießen |
| Tore | Enciso (42.), Havertz (54.) |
| Strittige Szene | Tah-Kopfball (102.) nach VAR-Eingriff aberkannt |
| Schiedsrichter / VAR | Jalal Jayed (Marokko) / Tatiana Guzman (Nicaragua) |
Warum eine Wiederholung ausgeschlossen ist
So bitter das Aus ist: Die Regeln sind an dieser Stelle eindeutig. Nach Regel 5 des internationalen Regelwerks (IFAB) sind Tatsachenentscheidungen des Schiedsrichters endgültig. Ob eine Aktion ein Foul war oder nicht, gehört genau in diese Kategorie, auch dann, wenn der Videoassistent beteiligt war. Das IFAB hat zudem schon 2017 klargestellt, dass selbst ein fehlerhafter VAR-Eingriff kein Grund für ein Wiederholungsspiel ist.
Wiederholungen gibt es im Weltfußball praktisch nur bei einem nachgewiesenen Regelverstoß, also wenn ein Schiedsrichter die Regeln falsch anwendet, nicht wenn er eine Szene falsch bewertet. Das bekannteste Beispiel: Im September 2005 ließ die FIFA das WM-Qualifikationsspiel zwischen Usbekistan und Bahrain wiederholen, weil der Schiedsrichter nach einem Vergehen beim Elfmeter fälschlich auf Freistoß statt auf Strafstoßwiederholung entschieden hatte. Das war ein klarer Verstoß gegen das Regelwerk, wie damals unter anderem Der Spiegel berichtete. Auch das legendäre „Phantomtor“ von Thomas Helmer führte 1994 in der Bundesliga zu einem Wiederholungsspiel.
Die Szene von Boston fällt in keine dieser Kategorien: Der VAR-Eingriff und die Foul-Bewertung waren eine Ermessensentscheidung, aus deutscher Sicht eine falsche, aber eben eine Tatsachenentscheidung. Selbst die krasse Fehlentscheidung beim „Kießling-Tor“ 2013, als ein Ball durchs Außennetz ins Tor rutschte, führte nicht zu einem neuen Spiel. Eine offizielle Forderung nach einem Wiederholungsspiel gab es vom DFB dementsprechend nicht. Die Konsequenzen zog der Verband an anderer Stelle.
Was seit dem Aus passiert ist
- 1. Juli: Die FIFA verteidigt die VAR-Entscheidung offiziell. Für viele deutsche Experten bleibt sie trotzdem falsch.
- 3. Juli: Julian Nagelsmann tritt als Bundestrainer zurück, wie die Tagesschau meldete. Der DFB nimmt Gespräche mit Wunschkandidat Jürgen Klopp auf.
- 4. Juli: Paraguay scheidet im Achtelfinale aus: 0:1 gegen Frankreich, das Tor erzielt Kylian Mbappé per Elfmeter.
- 7. Juli: Sportdirektor Rudi Völler bleibt im Amt. Die Klopp-Verpflichtung ist noch nicht fix, unter anderem wegen dessen laufenden Vertrags bei Red Bull bis Ende 2029.
Das 3:4 von Foxborough bleibt damit bestehen, in der Statistik wie in der Erinnerung. Spannender ist inzwischen die Frage, wie es mit dem deutschen Fußball weitergeht. Kommt Klopp als Bundestrainer? Wie tief fällt der Umbruch im Kader aus? Und schon im September steht die Nations League an. Übrigens: Wie viel Geld im Profifußball heute bewegt wird, zeigt unser Blick auf das Vermögen von Robert Lewandowski.
